Von Riemen, Platten und Magneten: Die Evolution der Pedal-Systeme

Die Verbindung zwischen Fahrer und Fahrrad ist einer der sensibelsten Punkte der Biomechanik. Heute ist die starre Verbindung über Klickpedale im sportlichen Bereich Standard. Doch der Weg dorthin war geprägt von technologischen Experimenten, Sicherheitsrisiken und dem permanenten Versuch, die Kraftübertragung zu optimieren, ohne die Freiheit des Fußes komplett zu opfern.

Die Anfänge: Haken, Riemen und die ersten "Cleats"

In den Anfängen des Radsports waren die Pedale einfache Plattformen. Mit steigenden Geschwindigkeiten und dem Aufkommen von Rundstreckenrennen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert reichte der bloße Halt durch die Schuhsohle jedoch nicht mehr aus.

1. Die Ära der Körbchenpedale (Toe Clips)

Um das Abrutschen zu verhindern, wurden Metallkörbchen und Lederriemen eingeführt. Der Fuß wurde tief in den Haken geschoben und der Riemen stramm gezogen.

  • Das mechanische Prinzip: Reine Fixierung durch Umschließen.
  • Das Problem: Um maximale Kraft zu übertragen, mussten die Riemen so fest angezogen werden, dass ein schnelles Lösen des Fußes während der Fahrt unmöglich war. Stürze endeten fast immer damit, dass der Fahrer an das stürzende Rad gekettet blieb.

2. Die Ur-Schuhplatte (Ur-Cleat)

Bereits in den 1920er und 1930er Jahren (u.a. durch den italienischen Hersteller Cinelli und deren legendäres „M71“-Pedal von 1971) kamen die ersten echten Schuhplatten auf. Dabei handelte es sich um kleine Holz- oder Kunststoffblöcke mit einer Quernut, die unter die Ledersohle genagelt oder geschraubt wurden. Diese Nut rastete in den Steg des Pedals ein. Erst danach wurde der Riemen festgezoogen. Das System war hocheffizient, aber im Alltag oder bei Notstopps absolut unpraktisch.

Die Revolution aus dem Skisport: Das moderne Klickpedal

Die echte Befreiung von den Riemen verdankt der Radsport dem Wintersport. 1984 adaptierte der französische Hersteller LOOK das Prinzip der Sicherheitsbindung von Skiern für das Fahrrad.

Anstatt den Fuß einzuschnüren, wurde eine federgelagerte Halterung konstruiert. Der Fahrer drückt die Schuhplatte (Cleat) nach unten, bis der Mechanismus einrastet. Durch eine definierte Drehbewegung der Ferse nach außen öffnet sich die Bindung mechanisch wieder.

Als Bernard Hinault 1985 die Tour de France mit diesen Prototypen gewann, war die Skepsis im Peloton verflogen. 1990 standardisierte Shimano mit dem SPD-System (Shimano Pedaling Dynamics) die Technologie für den Massenmarkt und das aufkommende Mountainbike-Segment, indem sie die Platten versenkbar und schmutzunempfindlich machten.

Der Gegenentwurf: Cleatless- und Magnetsysteme

Trotz des Erfolgs von LOOK und Shimano gab es immer Strömungen, die das starre Einklicken umgehen wollten – sei es aus Sicherheitsbedenken oder dem Wunsch nach mehr Flexibilität beim Gehen. Daraus entstanden sogenannte cleatless (plattenlose) und alternative Systeme:

  • Magnetsysteme (z. B. Magped): Hier sitzt eine flache Metallplatte im Schuh und ein starker Neodym-Magnet im Pedal. Das System bietet Zugkraft nach oben, lässt sich aber in jede Richtung (nicht nur durch Drehung) durch einfaches Kippen des Fußes lösen.
  • Mechanische Cleatless-Konzepte: Historisch gab es immer wieder Versuche, Pedale so zu formen, dass die Geometrie des Schuhs allein (z. B. durch Absätze oder Rillen in der Sohle) ausreichte, um einen Formschluss ohne angeschraubte Platten zu erzeugen. Diese Systeme blieben jedoch meist Nischenprodukte, da sie die Effizienz eines echten Klicksystems bei Zugbelastung nicht ganz erreichten.

Warum die Positionierung über den Erfolg entscheidet

Klickpedale und moderne Bindungssysteme haben den Radsport sicherer und effizienter gemacht. Sie bergen jedoch eine biomechanische Herausforderung: Sie zwingen den Fuß in eine feste Position auf der Achse. Während der Fuß auf einem Plattformpedal intuitiv seine Position verändert, wenn es zwickt, bleibt er im Klicksystem fixiert.

Hier schließt sich der Kreis zum Bike Fitting:

Weil die Schnittstelle starr ist, muss die Ausrichtung der Schuhplatte exakt zur individuellen Anatomie des Fahrers (Beinachse, Fußrotation, Beckenstellung) passen. Steht das Cleat auch nur wenige Millimeter verdreht oder zu weit vorne, pflanzt sich diese Fehlstellung über das Knie bis in die Hüfte fort. Ein dezentes, professionelles Fitting sorgt dafür, dass die historischen Errungenschaften der Kraftübertragung nicht zu Überlastungen führen, sondern die natürliche Bewegung des Körpers unterstützen.

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